Bericht 05.04.2010

Liebe Familie, geschätzte Freunde.

Backpacker's Paradise, Punta Arenas - Chile, 27. Februar 2010. Um 05.30 Uhr werden wir aus dem Schlaf gerissen. Es ist zu laut für diese Uhrzeit! Wer bitte hat das Licht angemacht und warum sind schon so viele Traveller auf den Beinen? Weshalb diese Hektik? Ist etwas passiert? Wir ziehen uns an und schlurfen schlaftrunken in den Aufenthaltsraum. Der Fernseher ist an und alle Anwesenden starren mit gebannten Blicken auf den Bildschirm. Wir sehen Zerstörung, Leid und Elend. Eingestürzte Häuser, Brücken, Autobahnüberführungen, verzweifelte, geschockte Menschen auf den Strassen und grosses Chaos überall. Langsam dämmert uns was passiert ist. Ein schweres Erdbeben hat Chile erschüttert und hat grosse Zerstörung verursacht. Vor allem unseren chilenischen Mitbewohnern steht der Schreck ins Gesicht geschrieben. Viele versuchen pausenlos ihre Angehörigen zu kontaktieren, doch das Telefonnetz ist hoffnungslos überlastet oder beschädigt worden. Live am TV erleben wir mit, wie Anarchie ausbricht. Türen von Geschäften und Lagerhäusern werden gewaltsam aufgebrochen und gnadenlos geplündert. Die meisten bedienen sich bei Lebensmitteln, entwenden Windeln für die Kinder, andere transportieren Kühlschränke, Waschmaschinen oder Unterhaltungselekronik ab. Die Polizei ist nicht präsent und scheint völlig überfordert. Einige der Plünderer lassen sich bereitwillig interviewen und erklären was und weshalb sie dieses oder jenes klauen. Wir erfahren, dass der Flughafen in Santiago wegen Schäden an der Infrastruktur geschlossen werden musste. Eine Tsunamiwarnung wird ausgesprochen. Wenig später widerruft Präsidentin Bachelet anscheinend die Tsunamiwarnung wieder. Endlich fährt die Polizei auf und verscheucht mit ihrer Präsenz und dem Einsatz von Wasserwerfern die Plünderer. Dann kommt der Tsunami doch noch und macht ganze Küstenabschnitte dem Erdboden gleich und fordert viele weitere Todesopfer. Grauenhaft! Um auf andere Gedanken zu kommen, unternahmen wir dann einen Ausflug zu einer Kolonie mit den kleinen, herzigen Magellanpinguinen. Wir beobachteten wie die Pinguine vom Jagen im Meer zurückkehrten, von den Wellen an Land gespült wurden und etwas unbeholfen den Sandstrand hochwatschelten. Die Pinguinie werden ca. 70cm hoch und wiegen um die 4kg. Sie sind exzellente Schwimmer und erreichen im Wasser Geschwindigkeiten von bis zu 44 km/h und tauchen manchmal fast 100 Meter tief. Interessant ist ausserdem, dass die Tiere zur Paarung immer wieder an den Ort ihrer Geburt zurückkehren und dort ihre Eier ausbrüten. Infolge des Erdbebens mussten viele Traveller bei uns im Hostal ihre Reisepläne ändern, da vorerst keine Flugzeuge von und nach Santiago fliegen konnten. Einige wurden tagelang im Ungewissen gelassen, sassen fest und warteten auf Informationen der Fluggesellschaft. Uns zog es trotz des Erdbebens wieder nordwärts, und so fuhren wir schliesslich mit dem Bus in 28 Std. nach Osorno. Dort wechselten wir das Fahrzeug und liessen uns nach Villarica chauffieren. Im Gegensatz zu den argentinischen Busunternehmen machen die Chilenen jeweils kein Büro auf wenn wir mit den Velos einchecken..... Wir entschieden uns im Hostel Torre Suiza abzusteigen, das vom Schweizer Ehepaar Claudia und Beat Zbinden geführt wird. Die beiden waren vor 16 Jahren zu einer langen Veloweltreise aufgebrochen und blieben nach 2 ½ Jahren in Villarica hängen. Sie hatten die Freude am Reisen verloren und waren ausgepowert. Kurzerhand kauften sich ein schönes Haus mit traumhafter Aussicht auf den Vulkan Villarica und eröffneten alsbald das Hostel Torre Suiza. Sehr empfehlenswert ist das feine Frühstück. Die beiden servieren jeden Morgen selbst gebackenes Vollkornbrot, eigenes Jogurt, Flöckli und frisches Obst. Seit der Eröffnung vor 14 Jahren haben schon hunderte Veloreisende hier halt gemacht. Davon zeugen die zahlreichen Wände des Hostels, die mit Fotos derselben tapeziert sind. Sogar das Foto von "Yak" Claude Marthaler haben wir entdeckt. Leider läuft das Geschäft zur Zeit gar nicht gut. Viele Gäste haben wegen der Erdbeben ihre Reservationen storniert und die Weltwirtschaftskrise sowie die starke chilenische Währung helfen natürlich auch nicht. Aufgrund des tollen Sommerwetters und den angenehmen Temperaturen entschieden wir uns noch einmal eine mehrtägige Wanderung im Nationalpark Villarica zu unternehmen. Während 5 Tagen wanderten wir auf einsamen Pfaden über erstarrte Lavafelder, durch trockene und staubige Hochebenen, durch urige Araukarienwälder, campten an wunderschönen Lagunen und an trüben und eiskalten Gletscherbächen. Wir genossen die Ruhe in der Natur, die traumhaften Ausblicke auf die Vulkane Villarica und Lanin und die farbenprächtigen Blumen am Wegrand. Während der gesamten Wanderung trafen wir gerade einmal 3! Wanderer! Zurück in Villarica bei Claudia und Beat erlebten wir dann zahlreiche Nachbeben. Einmal war Michi gerade gross im Geschäft, auf der Toilette im 3. Stock, als es zu schaukeln begann. Wie verhält man sich in so einem Moment richtig? Sofort auf die Strasse stürzen? Oder doch noch zuerst das Füdli putzen? Oder Augen zu und durch? Glücklicherweise dauerte das Erdbeben nicht sehr lange und auch die anderen Nachbeben richteten zumindest in Villarica keine Schäden an. Nach knapp zwei Wochen in Villarica nahmen wir schweren Herzens abschied von Claudia und Beat, beluden nach langer Pause endlich wieder einmal unsere Velos und machten uns auf nach San Martin de los Andes in Argentinien. Die schöne Strecke führte uns nach Currarehue und über einen 1200 Meter hohen Pass, vorbei am Vulkan Lanin nach Junin de los Andes und weiter nach San Martin. Die Ankunft in San Martin war fast wie „heimkommen" für uns. Hier durften wir bereits im Dezember bei unseren argentinischen Freunden während 2 Wochen wohnen und mit ihnen zusammen Weihnachten und Neujahr feiern und auf besseres Wetter für die Weiterfahrt warten. Da wir während unserer Patagonienreise einen Materialschaden an der Vorderradbremse von Silvias Velo entdeckten, nahmen wir das Angebot von Vivi und Luis gerne an, nochmals nach San Martin zurückzukommen. Somit hatten wir eine sichere Adresse, um das Paket mit den nötigen Teilen aus der Schweiz hinzuschicken. Während 3! Wochen machten wir Ferien vom Reise. Es war schön, ein vertrautes Daheim zu haben und nicht über Wetterprognosen, Reiserouten und Unterkünfte nachdenken zu müssen. Viviana und Luis arbeiten 6 Tage die Woche und Vanessa die Tochter geht in die Schule. So unterstützten wir die Familie im Haushalt; kochten, putzten, wuschen, besorgten die Einkäufe, sorgten für die 4 Hunde und Michi brachte Vanessas Fahrrad wieder auf Vordermann. Es standen entweder argentinische oder Schweizer Spezialitäten auf dem Speiseplan, einige Asados wurden im Garten abgefeuert und Silvia backte unzählige Russenzöpfe. Stundenlang sassen wir vor dem Fernseher und zogen uns die 5 Seasons von der Serie „LOST„ rein oder wir wurden mit der Playstation 2 zum „Guitarhero" ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Am Ostermontag fahren wir per Bus nach Mendoza und versumpfen dort in den Weinanbaugebieten äh, satteln wieder die Velos und fahren nordwärts...... Liebe Grüsse von Michi und Silvia



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