Bericht 12.02.2010

Sorry, der Bericht ist wieder etwas lange geraten.....wir empfehlen euch diesen auszudrucken und ihn in einer ruhigen Minute (Stunde) durchzulesen.

Liebe Familie, geschätzte Freunde.

Wir befinden uns in el Chalten, einem kleinen Kaff am Fusse der östlichen argentinischen Anden. Einquartiert haben wir uns in einem gemütlichen Hostal, draussen tobt der patagonische Wind ums Haus und lässt die rauschenden Bäume wie wild hin und her schwanken. El Chalten ist der Ausgangspunkt für Wanderungen in den Parque Nacional los Glaciares mit seinen Markenzeichen Fitz Roy und Cerro Torres. Wir haben hier während der vergangenen Woche diverse Touren unter die Füsse genommen und wurden dank tollem Wetter mit spektakulären Ausblicken auf die phantastische Landschaft mit Bergen, Gletschern, Seen und urzeitlichen Wäldern belohnt.

Über unseren Köpfen zogen Kondore mit ihren gigantischen Flügelspannweiten von bis zu 3 Metern ihre Runden und wir begegneten sogar einem Fuchs, einer Vogelspinne und sahen wunderschön farbig gezeichnete Enten schlafend auf einem Stein mitten im Fluss.

Nun stecken wir bereits mitten in den Vorbereitungen für die Weiterfahrt mit den Velos nach el Calafate und dem Besuch des weltbekannten und Südamerikas einzigem noch wachsenden Gletscher Perito Moreno.

Dank den Kartonschachteln, die wir von spanischen Radlern in Havanna geschenkt bekamen, verlief unsere Flugreise von Kuba nach Buenos Aires problemlos. Dort verbrachten wir dann zwei Wochen im lärmigen und von zu viel Verkehr geplagten Zentrum. Michi liess sich in einem Zahnarztzentrum eine gebrochene Zahnkrone ersetzen und wir unternahmen einige Ausflüge in die verschiedenen Stadtteile von BA. Im Hostal lernten wir Luis und Viviana mit Tochter Vanessa kennen, die für das anstehende AC/DC Konzert in einer Tagesreise per Bus aus San Martin de los Andes angereist waren.

Michi liess sich vom Enthusiasmus der drei anstecken und konnte sich auf den letzten Drücker noch ein Ticket besorgen. Die Stimmung im völlig ausverkauften Fussballstadion River war megamässig und als die australischen Oldies um Angus und Malcom Young losrockten, war die Menge nicht mehr zu halten und auch Michi tanzte und hüpfte im Takt der wummernden Bässe und Angus Gitarrenriffs wie zu besten Zeiten. Zum Abschied luden uns die drei noch spontan zu einem Besuch bei ihnen zu Hause in San Martin ein, und wir versprachen in Kontakt zu bleiben.

In einer langen Busreise fuhren wir anschliessend samt unseren Velos im Gepäckraum südwärts nach Bariloche, der sogenannten „Schweiz Südamerikas". Dort trafen wir zwei Schweizer Pärchen die in der selben Unterkunft logierten und zusammen bestiegen wir verschiedene Berge im Nationalpark Nahuel Huapi und genossen die traumhafte Landschaft und die tollen Ausblicke auf die zahlreichen Seen und die schneebedeckten Berge rund um Bariloche. Abends machten wir die Küche im Hostal unsicher und zauberten schmackhafte Gerichte auf die Teller. Wir vergassen sogar für kurze Zeit, dass wir uns ja eigentlich vegetarisch ernähren und brutzelten pfundschwere Steaks auf dem Grill. Da das Fleisch trotzdem nie genug war, kauften wir von Tag zu Tag mehr, und schlemmten wie im Paradies.

Nach einem Veloservice und mit neuen Ketten ausgerüstet, entschieden wir dann zuerst auf der Ruta de los siete lagos nordwärts nach San Martin de los Andes zu radeln und meldeten unseren bevorstehenden Besuch bei Luis, Viviana und Vanessa an. In 2 Tagen strampelten wir 200km ab und fuhren zum ersten Mal auf dieser Reise auf holprigen Schotterstrassen. Die zum Glück nicht sehr zahlreichen Autos und Busse staubten uns bei ihren Überholmanövern gehörig ein. Die Strasse führte durch eine wunderschöne Landschaft in ständigem Auf- und Ab an mehreren Seen vorbei. Wir trafen auf viele andere Velotraveller und versorgten uns gegenseitig mit Ratschlägen und Informationen zum weiteren Routenverlauf.

Die argentinische Familie empfing uns herzlich und wir freuten uns natürlich auch sehr über das Wiedersehen. Eigentlich planten wir höchstens ein paar Nächte ihre Gastfreundschaft zu strapazieren, wir hatten jedoch soviel Spass zusammen, dass wir ganze 2 Wochen blieben. Oft kochten wir für alle und weihten sie in die schweizerische Küche ein. Es gab Früchtewähe, Zürigschätzlets mit Röschti, Zopf und Ghackets mit Hörnli. Insbesondere Silvias Zopf brachte die drei zum Schwärmen und sie verlangten nach mas, mas y mas!

Der Abschied fiel uns nicht leicht, Michi freute sich aber die 3!jungen, noch nicht stubenreinen Hündchen der Familie verlassen zu dürfen.

Wir verliessen San Martin westwärts auf Schotterstrassen über den Hua Hum Pass und per Fähre über den Lago Pirihueico nach Panguipulli und über Los Lagos auf die Autobahn Ruta 5 und weiter nach Osorno und Puerto Varas nach Puerto Montt. Mit den Velos auf die Autobahn!?, mögt ihr euch jetzt wohl fragen. Ja, das ist in Chile erlaubt und wir genossen die paar Tage mit Rückenwind auf fast schnurgerader Strasse, praktisch ohne Steigungen, auf dem Flüsterasphalt des Pannenstreifens. Einzig die vielen Lastwagen vermochten unsere Stimmung zeitweise etwas zu beeinträchtigen, dafür freuten wir uns jeweils diebisch, dass wir als einzige Verkehrsteilnehmer durch die vielen Mautstellen ohne bezahlen zu müssen durchgewinkt wurden.

In Puerto Montt beginnt die berühmte Carretera Austral, die vom chilenischen Diktator Pinochet in Auftrag gegeben wurde und in 20 Jahren Bauzeit elf Bauarbeitern das Leben kostete. Das letzte Teilstück bis Villa O'Higgins wurde erst 1996 fertig gestellt und dem Verkehr übergeben. Die überwiegend unasphaltierte Strasse führt immer nach Süden, vorbei an uralten Wäldern, eisblauen Gletschern, Farmen aus der Pionierzeit, glitzernden Seen, schäumenden Flüssen und dem anbrandenden Pazifik. Immer wieder kletterte die Strasse die Berge hinauf und durchkreuzte Weidelandschaften, Sumpfgebiete und riesige Urwälder. Leider wurden in den 1940er Jahren bei Grossfeuern mehr als 30'000 Quadratkilometer Urwald vernichtet, die Folgen davon sind noch heute gut zu sehen und der Anblick der riesigen Gebiete mit vor sich hin rottenden Baumstämmen stimmte uns jeweils etwas traurig.

Auf dem Weg südwärts mussten wir gleich zu Beginn zwei Meerengen per Fähre kreuzen. Die erste 24km nach Puerto Montt von La Arena nach Caleta Puelche und die nächste nach einer weiteren Tagesetappe, von Hornopiren nach El Chaiten.

Als am 2.Mai 2008 um 0.30 Uhr starke Erdstösse und eine Explosion die Einwohner von Chaiten weckten, ahnten sie nicht, dass dies der Anfang vom Ende ihres kleinen, bescheidenen Städtchens sein würde. Doch bald stellte sich heraus, dass der Vulkan Chaiten ausgebrochen war, ein 1122 Meter hoher, und nur 10km von der Stadt entfernter Vulkan. Sein letzter Ausbruch lag rund 9000 Jahre zurück, und so galt er, wie hunderte andere Vulkane in Chile, als erloschen. Der Vulkan schleuderte seine Asche bis zu 20 Kilometer hoch, die enorme Rauchsäule wurde vom Wind westwärts getrieben und verdunkelte nach einigen Tagen sogar Buenos Aires.

Chaiten selbst wurde binnen eines Tages von einer 20cm dicken Aschenschicht überzogen und schliesslich stauten die enormen Mengen an Asche den Rio Blanco sodass dieser über die Ufer trat und grosse Teile der Ortschaft mit Asche, Schlamm und Geröll überschwemmte. Ganze Strassenzüge wurden verwüstet, Häuser weggespült oder unter Schlamm begraben, die Trinkwasser- und Stromversorung komplett zerstört. Die meisten Einwohner von Chaiten wurden evakuiert und nur ca. 200 unverwüstliche Bewohner trotzen immer noch dem Räumungsbefehl der Regierung und dem Fehlen von Trinkwasser, Strom und Benzin.

Zum Glück legen nach wie vor Fähren im Hafen an und ermöglichten uns das Abenteuer Carretera Austral unter die Räder zu nehmen. Während der 7-stündigen Überfahrt lernten wir Rueda, den spanischen Reisegefährten von Claude Marthaler auf seiner Südamerikareise von 1998, kennen.Er war zusammen mit Frau und Kind auf dem Weg nach Villa O' Higgins, dem Ende der Carretera, in einem uralten Peugeot 504. Da sie extrem gemütlich reisten, sollten wir die drei noch ein paar Mal antreffen und seine Geschichten und Episoden seiner abenteuerlichen Velotour mit Claude brachten uns immer wieder zum Lachen und Nachdenken. Voller Stolz brüstete er sich, auf seiner 16 Monate dauernden Reise von den USA nach Chile mit 400! US Dollar ausgekommen zu sein.

Nebst Rueda mit Familie trafen wir auf viele weitere „schräge Vögel „ die per Motorrad, Mietauto, Camper, mit dem Fahrrad oder auch per Anhalter unterwegs waren - alle auf der Suche nach dem ultimativen Kick, dem letzten grossen Abenteuer oder der Einsamkeit und Freiheit in den unendlichen Weiten Südpatagoniens.

Die Strasse ist mehrheitlich Schotter in unterschiedlichem Zustand und verlangt Mensch und Material alles ab. Ständig geht es steil hoch und danach wieder steil hinunter. Praktisch jeden Tag mussten wir ca. 1000 Höhenmeter bewältigen. Glücklicherweise waren wir von Nord nach Süd unterwegs und profitierten so mehrheitlich vom relativ starken Rückenwind. Aus diesem Grund ist es nicht empfehlenswert, die Fahrt in umgekehrter Richtung zu absolvieren, weil man es sonst nicht nur mit dem garstigen Wetter zu tun bekommt, sondern auch noch ständig gegen den Wind ankämpfen muss. Das Wetter war das Thema unter uns Fahrradfahrern. Einige die uns entgegenkamen erzählten von tagelangem, starken Regen und von ihren durchnässten Zelten, Schlafsäcken und Kleidern. An sonnigen Tagen bekamen wir es mit den mühsamen und sehr aufsässigen Pferdebremsen zu tun, die uns vor allem in den Anstiegen pausenlos attackierten und sich selbst vom Mückenschutzmittel nicht abhalten liessen uns aufzufressen.

Wir haben viele Radfahrer getroffen, die mit technischen Problemen zu kämpfen hatten. Der erste unglückliche Radler war ein Chilene, dem ein Freund kurz vor der Tour noch schnell ein paar neue Pedalen montiert hat. Nur leider hat er wohl links mit rechts verwechselt und die Pedalen falsch herum reingeschraubt, sodass ihm eine Pedale um die andere abgefallen ist und die Kurbelgewinde vollständig zerstörten. Wie hätten wir da auf die schnelle helfen sollen? Bei einem Radler löste sich bereits die Gummilauffläche von der Reifenkarkasse und Reifen in der 28 Zoll Grösse sind in Südamerika nur sehr schwer erhältlich. Einem anderen Leidensgenossen ist die Kettenvernietung mitten im „Juhee" aufgegangen und die defekte Kette hat ihm den hinteren Wechsel fast abgerissen und den Bolzen des Parallelogramms gebrochen - ein „Supergau" mitten in der Pampa. Einem französischen Liegeradfahrer ist der Shimano Freilaufkörper quer durchgerissen, ein Defekt den Michi noch gar nie gesehen hat, und wieder andere hatten ganz einfach die falschen Reifen montiert und mussten sich andauernd mit Plattfüssen herumschlagen. Einer Holländerin, die ein paar Tage mit uns unterwegs war, ist wegen dem ständigen „Geholpere" das Zelt unbemerkt vom Gepäckträger gefallen und sie musste sich ein neues kaufen.

Wir wurden glücklicherweise von Defekten und Materialverlusten auf der Carretera Austral verschont, mussten jedoch zuvor einen gebrochenen Lowrider löten lassen und stellten bei der Reinigung unserer Fahrräder nach dem fürchterlichen Grenzübertritt von Villa O'Higgins nach El Chalten fest, dass ein Aluminiumadapter an Silvias Hydraulikbremse gebrochen ist. Dies ist auch nicht gerade lustig aber zum Glück können wir auf unser „Backoffice" in der Schweiz zählen und das benötigte Ersatzteil ist hoffentlich bereits unterwegs. Vielen Dank!

Villa O'Higgins bedeutet für die meisten Traveller Endstation. Um nach Argentinien zu kommen sind sie gezwungen umzukehren und müssen mehrere hundert Kilometer zurück nach Norden fahren, um einen für Fahrzeuge geeigneten Grenzübergang zu finden.Es bleibt Wanderern und verrückten Velofahrern vorbehalten, auf abenteuerlichem Weg direkt nach El Chalten in Argentinien zu gelangen. Nach einer 2 ½ stündigen Bootsfahrt auf dem durch die starken Winde aufgewühlten und daher sehr welligen Lago O'Higgins kamen wir in Candelario Mansillo an. Dort mussten wir die Ausreisestempel am chilenischen Zoll abholen.

Danach führte eine sehr steile und mit losem Geröll übersäte Schotterstrasse in die Berge, bis wir nach 15km zur mit einem Schild gekennzeichneten argentinischen Grenze kamen. Wir mussten die Fahrräder oft schieben, da die Strasse einfach zu steil war. Danach begann der eigentliche Horrortrip. Die Strasse endete abrupt und ging in einen vom Regen aufgeweichten und mit Pfützen übersäten Pfad über. Im ersten Schlammloch sanken unsere Räder gleich bis auf Nabenhöhe ein. Die vorderen Gepäcktaschen trugen wir in unseren Rucksäcken, damit die Velos nicht zu schwer beladen waren.Mit vereinten Kräften hievten wir die Räder einzeln Abhänge hinauf, über Wurzelstöcke und umgestürzte Bäume, trugen sie durch reissende Bäche und würgten sie zwischen Bäumen und Ästen hindurch.

Natürlich begann es dann auch noch zu regnen und zu schneien und die Temperatur sank auf 4 Grad. Immer wieder schrammten wir unsere Waden an den linken Pedalen auf und verletzten uns an spitzigem und stacheligem Gewächs links und rechts des Weges. Der Untergrund war extrem matschig und rutschig, sodass wir mehrere Male hinfielen und uns die Velos unter sich begruben.Michi war teilweise völlig ausser sich und fluchte was das Zeug hielt. Doch es half alles nichts, wir mussten da durch, es gab kein zurück. Endlich ging es abwärts - doch nun schmolzen unsere Bremsbeläge wegen des Drecks auf den Felgen schneller als Eis im Sommer. Kurz bevor wir die Bremshebel bis zum Lenker durchziehen konnten, erreichten wir völlig fertig und dreckig wie Schweine die Laguna del Desierto und den argentinischen Zoll. Wir nutzten die kurze Zeit bis zur Abfahrt des Schiffes über den Lago um unsere Fahrradtaschen und unsere Velos im Bach vom gröbsten Dreck zu befreien. Danach campierten am anderen Seeufer und fuhren am nächsten Tag bei strahlendem Sonnenschein und super Aussichten auf den Fitz Roy die letzten 37km bis nach El Chalten und zurück in die Zivilisation.In der Zwischenzeit sind wir in 2 Tagen von el Chalten nach el Calafate geradelt.

Am ersten Tag "flogen" wir dank des heftigen Rückenwindes mit bis zu 45 km/Std ohne zu Pedalen über den Asphalt. Nach 90 km drehte die Strasse allerdings scharf nach rechts und wir kämpften mit böigem Seitenwind, der uns einige Male bis auf die andere Fahrspur versetzte. Teilweise mussten wir absteigen und die Räder schieben, da fahren ganz einfach zu gefährlich war. Ab und zu wurden wir vom Wind aufgewirbelten Sand richtig sandgestrahlt......aua!

Heute sind wir extra früh losgefahren, da der Wind am frühen Morgen weniger stark bläst. Die letzten 40km mussten wir aber voll gegen den Wind anfahren. Das ist extrem kräfteraubend und wir erreichten el Calafate voll auf dem Zahnfleisch.

Wir senden euch sonnige Grüsse aus Argentinien und wünschen Euch weiterhin einen tollen Winter.

Liebe Grüsse von Michi und Silvia




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