Bericht 26.8.2009

Liebe Familie, Freunde und Bekannte. Wir sind in der Provence, im kleinen Dörfchen La Roque sur Perne. Wir geniessen hier die Gastfreundschaft von Irma und Harald Schade, die uns hier in ihrem Haus aufgenommen haben, uns bekochen und verwöhnen. Wir geniessen es wieder einmal in einem Bett zu schlafen und erholen uns vorzüglich von der anstrengenden Reise über die Alpen Frankreichs.

Am 6. August starteten wir unsere Reise zusammen mit Alex Zäh in Chur. Die erste Etappe führte uns über die Via Mala nach Splügen und über den San Bernardino ins Tessin. Nach ein paar wunderschönen Tagen im Onsernonetal bei Michis Vater fiel uns der Abschied sehr schwer. Dazu kam der Respekt vor der grossen Herausforderung der von uns gewählten Strecke durch das Centovalli und über den Simplon nach Brig. Es war extrem heiss an diesem Mittwoch und im Aufstieg des Simplon kämpften wir mit Gegenwind der direkt aus einem Heissluftgebläse zu kommen schien. Mit allerletzter Kraft schleppte sich Michi durch die endlosen Galerien und durch die Abgase der zahlreichen Lastwagen der Passhöhe entgegen. Der Simplon ist ganz sicher kein Pass den wir Velofahrern weiterempfehlen werden.

Die Etappe war dann mit 2300 Hm und 104km wohl bereits unsere Königsetappe dieser Reise und die grossen Teller Spaghetti auf dem Campingplatz in Brig wohlverdient.

Alex begleitete uns noch einen weiteren Tag durch's Wallis bis kurz vor Bex und drehte dann ab Richtung Bern um sich für eine weitere kurze Velotour mit seinen Kindern zu treffen.

Den Abschied von Alex versüssten wir uns mit einem Nussgipfel in der wunderschönen Altstadt von St. Maurice. Während dem sich Alex gedanklich bereits wieder mit dem nahenden Schulstart in Horgen und der sich ausbreitenden Schweinegrippe befasste nahmen wir beide den Col du Corbier unter die Räder, der uns über Morgins nach Frankreich führte.

Die weiteren Pässe auf unserer Alpenchallenge hiessen dann Col de la Colombière, Col de la Croix Fry, Col de la Madeleine, Col du Glandon - mit kurzem Abstecher zum Col de la Croix Fer, Col d'Ornon, Col Accarias, Col St.Sébastian, Col du Festre und Col St. Jean zum berühmten Mont Ventoux.

Für den Aufstieg zum Ventoux wählten wir die "light" Variante von Sault aus, die etwa 500Hm einspart gegenüber den Varianten die in Bédoin oder Malaucène starten.

Der Mont Ventoux ist DER ultimative Veloberg! Hunderte von Velofahrer quälten sich mit uns den Berg hoch. Fotografen sind an den neuralgischen Punkten positioniert und schiessen Fotos von allen die im heftigen Gegenwind den Berg hochstrampeln. Sie fotografieren die Radfahrer jeweils von vorne, von der Seite und von hinten und rennen den Vorbeifahrenden hinterher um den vermeintlichen Kunden eine Visitenkarte in die Hand zu drücken um sich dann sofort wieder in Position zu bringen für den nächsten "Gümmeler". Am Abend kann man dann sein schmerzverzerrtes Antilitz auf der Webseite der findigen Unternehmer anschauen und Abzüge ordern um den Beweis seiner Heldentat zugeschickt zu bekommen.

In Erinnerung der Szenen die wir während unserer Abfahrt nach Malaucène miterleben mussten können wir noch immer schmunzeln. Da war dieses Tandempaar; der Mann vornübergebeugt an einem extrabreiten Lenker zerrend, beide mit aufgerissenen Mäulern nach Luft japsend, die Blicke voller Verzweiflung, haben die beiden beinahe das Tandem zerrissen.

Oder der rüstige Rentner, der trotz leichtem Velo, kleinstem eingelegtem Gang und Wiegetritt kaum mehr die Kurbeln rumkriegt und beängstigend schwankend beinahe vom Velo fällt.

Oder die junge Frau auf ihrem Mountainbike, die wir, da viel zu spät gestartet, im unteren Teil der Steigung antreffen, mit ihrer 130er Kadenz Lance Armstrong alle Ehre macht, der hochrote Kopf jedoch ein baldiges game over befürchten lässt. Zusammenfassend können wir festhalten, dass sich einige Teilnehmer überschätzen um den Mont Ventoux zu "erfahren".

Wir sind gesund und munter und freuen uns auf weitere Abenteuer. Frankreich eignet sich hervorragend für's cyclo camping wie die Franzosen sagen. Wir hangeln uns von Campingplatz zu Campingplatz, die sehr zahlreich sind und von recht guter Qualität. Aufgrund der heissen Temperaturen fahren wir am Morgen jeweils sehr früh los und versuchen bis Mittag an unserem Etappenziel anzukommen. Wir haben wirklich ausserordentlich Glück mit dem Wetter. Es ist seit unserer Abfahrt im Tessin sonnig und heiss. Nur ein einziges Mal haben wir abends im Zelt ein paar Tropfen abgekriegt. Und die Wetterprognosen bleiben weiter gut. Danke Petrus!

Wir fühlen uns sehr sicher auf den Strassen hier. Die Autofahrer respektieren uns Velofahrer mehr als in der Schweiz und fahren weite Bogen um uns herum wenn sie überholen. Wir treffen jeden Tag viele Gümmeler an die uns meist nett grüssen mit "Bon courage" oder "Bonjour" und wollen wissen wieviel kg Gepäck wir mitführen. Ab und zu fällt auch ein "Chapeau" für uns ab oder Leute am Strassenrand applaudieren spontan und wünschen uns "bonne route".

Morgen verlassen wir unsere Luxhusherberge bei der Fam. Schade in der Provence und machen uns auf den Weg in Richtung Toulouse. Falls es das Wetter zulässt möchten wir nach den schönen Erlebnissen in den Alpen noch ein paar Pyränenpässe drücken unterwegs zu unerem nächsten Zwischenziel Madrid.

Danke Carmen für die Ersatzkopfkissen du bist ein Superschatz.

Danke Karin für den Tipp mit den Pain au chocolat. Seitdem ist keine Boulangerie mehr sicher vor uns.

Danke allen die uns geschrieben haben. Wir freuen uns immer sehr über Nachrichten aus der Schweiz. Wir sind mit den Gedanken (manchmal) bei euch.

Viele liebe Grüsse

Michi und Silvia

 


 



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